Brief
an Holm Singer (entnommen: www.dorlach.de/Reichenbach/04-08-Offener-Brief-an-Holm-Singer)
Guten
Tag Holm Singer,
vor
fast 20 Jahren sahen wir uns das letzte Mal. Du warst damals Mitglied
in kirchlichen Umweltkreisen
und sozialdiakonischen Gruppen in Karl-Marx-Stadt. Im November 1989
bist Du plötzlich verschwunden.
Anfang der neunziger Jahre lasen wir Deinen Decknamen „Schubert"
in unseren Stasiakten.
Umfang und Reichweite Deiner damaligen Berichtstätigkeit über
uns so genannte „feindlich-negative Kräfte"
wurden uns erst beim Lesen klar. Doch die Zeit der Gespräche und
Begegnungen mit Dir liegen Jahre zurück.
Erinnerungen verblassen, aktuelles Geschehen verdrängt Zurückliegendes.
Nunmehr
sorgst Du selbst dafür, Erinnerungen wachzurütteln: Wir entnehmen
zwar der durch Deinen Anwalt
erwirkten einstweiligen Verfügung, dass Du nicht willst, dass wir
uns an Dich erinnern. Doch genau das
Gegenteil ist eingetreten: Viele, mit denen Du in der Jungen Gemeinde
Reichenbach, bei den Bausoldaten
in Plauen, in der evangelischen Studentengemeinde Freiberg, im dortigen
Friedensarbeitskreis und später
auch in unseren Karl-Marx-Städter Kreisen sowie zuletzt beim „Neuen
Forum" Kontakt hattest, erinnern sich
jetzt wieder an Dich.
Für
Dich scheinen diese Erinnerungen unangenehm zu sein. Du kannst vielleicht
für kurze Zeit die Nennung
Deines Namens in einer Ausstellung verhindern. Du verhinderst jedoch
nicht, dass sich Menschen an Dein
Wirken in ihren oppositionellen Kreisen erinnern. Du verhinderst außerdem
nicht, dass sie ihre Erinnerungen
von damals mit Deinen Berichten an das MfS vergleichen. Auch kannst
Du nicht verhindern, dass sich Menschen,
die wegen „staatsfeindlicher Hetze" ins Gefängnis kamen,
sich an Deinen Beitrag zu ihrer Verhaftung erinnern.
Die
Vergangenheit lässt Dich und uns offenbar nicht in Ruhe. Wir glauben,
dass es kein Mittel ist, gerichtlich
gegen Erinnerungen vorzugehen. Wir schlagen als ersten Schritt zur Bewältigung
ein gemeinsames Gespräch vor.
Dazu sind einige von uns bereit.
Wenn
Du Konsequenzen für Dein heutiges Leben befürchtest, weil
Dein Name in einer Ausstellung veröffentlicht ist,
bedenke die Konsequenzen, mit denen wir aufgrund Deiner Tätigkeit
für das MfS zu rechnen hatten.
Von uns musst Du jedenfalls keine Repressalien (oder gar ein Pogrom,
wie Dein Anwalt sagt) befürchten.
Stelle Dich der Vergangenheit, genau wie wir es tun mussten.
Denn wir haben Dir damals vertraut - zum Teil als Freund, zum Teil als
Mitstreiter oder Verbündeten.
Wir
wünschen, dass es Dir gelingt, Verantwortung für damaliges
Handeln zu übernehmen.
Nur wer es lernt, verantwortlich mit seiner Vergangenheit umzugehen,
gewinnt Freiheit für weiteres Leben.
Chemnitz,
den 8. April 2008
Mitglieder aus kirchlichen Öko-Kreisen und der sozialdiakonischen
Jugendarbeit der Stadtmission Karl-Marx-Stadt:
Hartmut
Anacker Heike Beck Thomas Doye Susanne Förster Cornelia Hartzsch
Andreas Hartzsch Manfred Hastedt
Michael Heinisch Mathias Hennig Holger Henze Andreas Müller Nadja
Röder Johannes Woldt Volkmar Zschocke
Kontakt:
Manfred
Hastedt, Tel. 0371 488 6177 Volkmar Zschocke, mobil: 0177 16 99 756
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